Chinesische Automarken sind längst kein Randthema mehr. BYD, MG, Nio, Xpeng, Leapmotor, Jaecoo oder GWM drängen mit modernen Elektroautos und Plug-in-Hybriden nach Europa. Viele Modelle sind gut ausgestattet, vergleichsweise günstig und technisch auf einem Niveau, das etablierte Hersteller unter Druck setzt. Gleichzeitig wächst die Sorge, ob diese Fahrzeuge mehr sind als nur Autos – nämlich rollende Datensammler mit direkter Verbindung zu Servern, Apps und Herstellerplattformen.
Die Frage „Sind chinesische Autos ein Sicherheitsrisiko?“ lässt sich deshalb nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Bei der klassischen Fahrzeugsicherheit schneiden viele chinesische Modelle inzwischen gut ab. Moderne Karosseriestrukturen, Assistenzsysteme, Notbremsfunktionen und Crashtest-Ergebnisse zeigen, dass China-Autos nicht mehr mit den schwachen Modellen früherer Jahre vergleichbar sind.
Die eigentliche Debatte beginnt an einer anderen Stelle: bei Daten, Software, Kameras, Mikrofonen, Standortinformationen, Cloud-Anbindungen und möglichen Zugriffen aus der Ferne.
Kurz erklärt: Chinesische Autos sind nicht automatisch unsicher. Viele Modelle bieten moderne Technik und gute Sicherheitsbewertungen. Kritisch diskutiert wird vor allem die digitale Seite: Welche Daten werden gesammelt, wohin werden sie übertragen und welche Zugriffsmöglichkeiten bestehen im Hintergrund?
Fahrzeugsicherheit ist nicht gleich Datensicherheit
Wenn über Sicherheit gesprochen wird, müssen zwei Bereiche sauber getrennt werden. Die klassische Fahrzeugsicherheit beschreibt, wie gut ein Auto bei einem Unfall schützt. Dazu gehören Airbags, Bremsen, Karosserie, Assistenzsysteme und das Verhalten bei Crashtests.
Die digitale Sicherheit meint dagegen etwas anderes. Hier geht es darum, welche Daten ein Fahrzeug sammelt, wohin diese Daten übertragen werden, wer Zugriff darauf hat und ob Funktionen aus der Ferne beeinflusst werden können. Ein Auto kann also bei einem Unfall sehr sicher sein und trotzdem Fragen beim Datenschutz oder bei der Cybersicherheit aufwerfen.
Genau darin liegt das Problem moderner Fahrzeuge: Sie sind nicht mehr nur Maschinen, sondern vernetzte Computersysteme auf Rädern.
Welche Daten moderne Autos erfassen können
Ein vernetztes Fahrzeug kann deutlich mehr erfassen als nur Geschwindigkeit, Akkustand oder Kilometerstand. Je nach Modell und Ausstattung können Standortdaten, Fahrprofile, Ladevorgänge, technische Diagnosedaten, Kamerabilder, Sprachbefehle, Innenrauminformationen und gekoppelte Smartphone-Daten verarbeitet werden.
Dazu kommen Apps, die das Fahrzeug öffnen, klimatisieren, orten oder den Ladezustand anzeigen. Auch Over-the-Air-Updates, Navigationsdienste, Sprachassistenten und Fahrerassistenzsysteme benötigen Datenverbindungen.
Das betrifft nicht nur chinesische Autos. Auch europäische, amerikanische, koreanische und japanische Hersteller setzen auf vernetzte Systeme. Der Unterschied liegt vor allem in der politischen und rechtlichen Bewertung: Bei chinesischen Herstellern kommt die Sorge hinzu, dass Unternehmen in China enger an staatliche Strukturen gebunden sein können.
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Die chinesische Rechtslage als Kern der Sorge
Ein zentraler Punkt in der Diskussion ist das chinesische Nachrichtendienstrecht. Nach dem chinesischen National Intelligence Law müssen Organisationen und Bürger staatliche Nachrichtendienstarbeit unterstützen, ihr helfen und mit ihr kooperieren. Zugleich müssen sie über ihnen bekannte nachrichtendienstliche Vorgänge Stillschweigen bewahren.
Für westliche Sicherheitsbehörden und Unternehmen ist diese Kombination problematisch. Denn ein chinesisches Unternehmen könnte im Ernstfall verpflichtet werden, staatliche Stellen zu unterstützen, ohne eine solche Zusammenarbeit öffentlich machen zu dürfen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass jedes chinesische Auto heimlich Daten an chinesische Behörden überträgt. Eine solche pauschale Behauptung wäre zu weitgehend. Es bedeutet aber: Die Rechtslage schafft ein strukturelles Risiko, weil ein Unternehmen unter bestimmten Umständen nicht frei entscheiden kann, ob es eine staatliche Anfrage ablehnt.
Gerade bei stark vernetzten Fahrzeugen ist das relevant. Wenn Autos Kameras, Mikrofone, GPS, Cloud-Dienste, Smartphone-Schnittstellen und Fernwartungsfunktionen besitzen, entsteht ein Datenraum, der für Nachrichtendienste theoretisch interessant sein kann.
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Nicht nur Autos: Das größere Problem chinesischer Technik
Die Debatte betrifft nicht nur Pkw. Ähnliche Fragen stellen sich bei Drohnen, Kameras, Smartphones, Apps, Routern, Überwachungstechnik, Actioncams oder anderen vernetzten Geräten. Sobald Technik Daten sammelt und diese Daten über Server verarbeitet werden, stellt sich die Frage, wo sie landen und wer darauf zugreifen kann.
Im Zusammenhang mit Drohnen wird das besonders anschaulich. Wer mit einer Drohne über Landschaften, Industrieanlagen, Häfen, Kanäle, Brücken, Staudämme oder militärisch relevante Bereiche fliegt, erzeugt unter Umständen wertvolle Bild- und Bewegungsdaten. Für private Nutzer sind das vielleicht harmlose Urlaubs- oder YouTube-Aufnahmen. In der Summe können solche Daten aber strategisch interessant werden.
Ähnlich ist es bei Autos. Ein einzelnes Fahrzeug liefert vielleicht nur unscheinbare Informationen. Viele Fahrzeuge über längere Zeit können jedoch Bewegungsmuster, häufige Aufenthaltsorte, Zufahrten, Routinen oder technische Details einer Umgebung sichtbar machen.
Die Summe der Daten ist entscheidend
Das Sicherheitsrisiko liegt selten im einzelnen Foto, der einzelnen Fahrt oder einem einzelnen Standort. Kritisch wird es, wenn viele Daten zusammengeführt werden. Aus Standortdaten, Kamerabildern, Ladeverhalten, Fahrprofilen und Smartphone-Verbindungen können Muster entstehen.
Ein Fahrzeug, das regelmäßig vor einer Kaserne, einem Forschungszentrum, einem Rüstungsunternehmen, einem Regierungsgebäude oder einer Energieanlage steht, kann andere Informationen liefern als ein Auto, das nur zwischen Wohnung, Supermarkt und Arbeitsplatz pendelt.
Deshalb richtet sich die Sorge weniger gegen den normalen privaten Autofahrer. Entscheidend ist vielmehr, ob viele vernetzte Geräte über längere Zeit Daten sammeln und diese Informationen außerhalb Europas verarbeitet oder ausgewertet werden können.
Warum Behörden, Militär und kritische Infrastruktur stärker betroffen sind
Für die meisten privaten Autokäufer ist das Risiko im Alltag überschaubar. Wer sein Fahrzeug normal nutzt, keine sicherheitsrelevante Tätigkeit ausübt und keine sensiblen Orte anfährt, steht vermutlich nicht im Mittelpunkt solcher Betrachtungen.
Anders sieht es bei Soldaten, Mitarbeitern von Behörden, Polizei, Nachrichtendiensten, Rüstungsunternehmen, Forschungseinrichtungen oder Betreibern kritischer Infrastruktur aus. Dort können Standortdaten, Kamerabilder, Bewegungsmuster oder gekoppelte Kommunikationsgeräte eine ganz andere Bedeutung bekommen.
Ein Dienstwagen ist heute nicht selten auch ein mobiler Besprechungsraum. Im Auto werden Telefonate geführt, Smartphones verbunden, Termine angezeigt und Navigationsziele gespeichert. Wenn solche Fahrzeuge mit Cloud-Systemen vernetzt sind, entsteht ein zusätzlicher digitaler Risikoraum.
Gerade deshalb wird in sicherheitsrelevanten Bereichen diskutiert, ob bestimmte Fahrzeuge oder vernetzte Geräte eingeschränkt werden sollten.
Fernzugriff: praktisch, aber sensibel
Viele moderne Autos können aus der Ferne aktualisiert oder diagnostiziert werden. Over-the-Air-Updates sind für Verbraucher zunächst ein Vorteil. Fehler können behoben, Funktionen verbessert und neue Dienste nachgeliefert werden, ohne dass das Fahrzeug in die Werkstatt muss.
Gleichzeitig entsteht dadurch eine technische Schnittstelle. Wo Fernwartung möglich ist, muss besonders gut abgesichert werden, wer Zugriff bekommt und welche Systeme beeinflusst werden können. Theoretisch können schlecht geschützte Schnittstellen ein Einfallstor für Datenabfluss, Manipulation oder unbefugten Zugriff sein.
Das gilt nicht nur für chinesische Fahrzeuge. Auch westliche Hersteller hatten in der Vergangenheit Probleme mit schlecht abgesicherten Apps, Datenlecks oder Schwachstellen in vernetzten Diensten. Bei chinesischen Herstellern kommt jedoch die geopolitische Komponente hinzu: Wenn Server, Softwareentwicklung oder Datenanalyse außerhalb Europas liegen, wird die Kontrolle schwieriger.
Können Autos sogar manipuliert werden?
In der öffentlichen Debatte taucht immer wieder die Sorge auf, dass vernetzte Autos nicht nur Daten liefern, sondern im Extremfall auch beeinflusst werden könnten. Dazu gehören theoretische Szenarien wie das Deaktivieren einzelner Funktionen, das Auslesen sensibler Daten oder das Eingreifen in bestimmte Systeme.
Solche Szenarien sollten nicht dramatisiert werden. Moderne Fahrzeuge unterliegen Sicherheitsanforderungen, und sicherheitskritische Systeme sind normalerweise nicht beliebig über eine App steuerbar. Dennoch zeigt die Entwicklung: Je stärker Autos vernetzt sind, desto wichtiger werden Software-Sicherheit, Zugriffskontrolle und Transparenz.
Ein Auto der Zukunft wird nicht nur nach Motor, Akku, Reichweite oder Crashtest bewertet. Entscheidend wird auch, wie robust seine digitale Architektur ist.
Komfortfunktionen als Datenkanal
Viele Funktionen, die im Alltag bequem sind, erzeugen zusätzliche Daten. Dazu gehören Fahrzeug-Apps, Sprachsteuerung, Cloud-Speicher, automatische Backups, Routenplanung, Fahrerprofile, Innenraumüberwachung, Kamerasysteme und Smartphone-Synchronisierung.
Nutzer aktivieren solche Dienste oft schnell, ohne genauer zu prüfen, welche Berechtigungen sie erteilen. Dabei können Standortfreigaben, Zugriff auf Kontakte, Kalenderdaten oder Medieninhalte relevant sein.
Das Problem entsteht nicht allein dadurch, dass ein Auto aus China kommt. Es entsteht durch die Verbindung aus Komfort, Cloud-Anbindung, unklaren Datenwegen und der Frage, welche rechtlichen Zugriffsmöglichkeiten im Hintergrund bestehen.
Chinesische Autos sind technisch oft stark
Trotz aller Bedenken wäre es falsch, chinesische Fahrzeuge pauschal als schlechte oder unsichere Autos darzustellen. Viele Modelle sind technisch gut entwickelt, bieten moderne Batterietechnik, umfangreiche Ausstattung, starke Softwarefunktionen und konkurrenzfähige Preise.
Auch bei Crashtests haben chinesische Hersteller deutlich aufgeholt. Einige Modelle erreichen gute oder sehr gute Bewertungen. Das zeigt: Das Sicherheitsproblem liegt nicht automatisch bei Bremsen, Karosserie oder Airbags.
Die kritische Frage lautet vielmehr: Wie transparent ist der Hersteller bei Daten? Wo stehen die Server? Welche Informationen werden übertragen? Welche Dienste lassen sich deaktivieren? Und welche rechtlichen Verpflichtungen bestehen im Hintergrund?
Was private Käufer beachten sollten
Wer ein chinesisches Auto kaufen möchte, muss nicht automatisch davon Abstand nehmen. Sinnvoll ist aber ein bewusster Umgang mit digitalen Funktionen.
Käufer sollten prüfen, welche App-Zugriffe wirklich notwendig sind. Nicht jede Komfortfunktion muss aktiviert werden. Standortfreigaben, Sprachassistenten, Innenraumkameras, Cloud-Synchronisierung und Smartphone-Verknüpfungen sollten bewusst eingerichtet werden.
Auch die Datenschutzhinweise des Herstellers sind wichtig, selbst wenn sie oft lang und schwer verständlich sind. Entscheidend sind Fragen wie: Werden Daten außerhalb der EU verarbeitet? Welche Daten werden dauerhaft gespeichert? Können Nutzer bestimmte Funktionen deaktivieren? Gibt es eine klare Löschmöglichkeit?
Wer in einem sicherheitsrelevanten Bereich arbeitet, sollte besonders vorsichtig sein. In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, Fahrzeuge, Drohnen, Kameras oder Apps aus bestimmten Herkunftsländern kritischer zu bewerten.
Warum die Debatte nicht einseitig geführt werden sollte
Es wäre zu einfach, nur auf China zu zeigen. Moderne Autos aller Hersteller sammeln Daten. Tesla, deutsche Premiumhersteller, koreanische Marken und viele andere Anbieter arbeiten ebenfalls mit Cloud-Diensten, Apps, Fernzugriff und Softwareplattformen.
Der Unterschied liegt nicht darin, dass nur chinesische Autos Daten erfassen. Der Unterschied liegt in der Kombination aus Datensammlung, staatlicher Einflussmöglichkeit, Geheimhaltungspflichten und geopolitischer Lage.
Eine faire Einordnung muss deshalb zwei Dinge gleichzeitig sagen: Chinesische Autos sind nicht automatisch gefährlich. Aber die Sorgen um Daten, Fernzugriff und staatliche Zugriffsmöglichkeiten sind auch nicht aus der Luft gegriffen.
Vertrauen wird zum Kaufargument
Bisher wurden Autos vor allem nach Preis, Verbrauch, Reichweite, Leistung, Qualität und Design bewertet. In Zukunft wird ein weiterer Punkt wichtiger: digitales Vertrauen.
Hersteller müssen transparent erklären, welche Daten erhoben werden, wofür sie genutzt werden, wo sie gespeichert werden und welche Rechte der Nutzer hat. Besonders bei Fahrzeugen aus China wird diese Transparenz entscheidend sein, wenn die Marken langfristig Vertrauen in Europa aufbauen wollen.
Gute Ausstattung und günstige Preise reichen allein nicht aus. Je stärker ein Fahrzeug vernetzt ist, desto mehr muss der Hersteller beweisen, dass Datenschutz und Cybersicherheit ernst genommen werden.
Zusammenfassend
Chinesische Autos sind nicht automatisch ein Sicherheitsrisiko im klassischen Sinn. Viele Modelle sind technisch modern, gut ausgestattet und schneiden bei Crashtests ordentlich bis sehr gut ab. Die eigentliche Debatte betrifft nicht die Karosserie, sondern die digitale Ebene.
Moderne Fahrzeuge sammeln Daten, sind mit Servern verbunden, nutzen Apps, Kameras, Sensoren und Software-Updates. Bei chinesischen Herstellern kommt die besondere Rechtslage hinzu: Unternehmen können zur Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen verpflichtet werden und müssen darüber unter Umständen Stillschweigen bewahren.
Für private Käufer bedeutet das vor allem: bewusst mit Datenfreigaben umgehen, Apps kritisch prüfen und nicht jede Komfortfunktion unüberlegt aktivieren. Für Behörden, Militär, Forschung, Rüstungsindustrie und kritische Infrastruktur gelten deutlich strengere Maßstäbe.
Am Ende zeigt die Diskussion: Das Auto der Zukunft wird nicht nur nach Reichweite, Preis und Crashtest-Sternen beurteilt. Entscheidend wird auch, wie sicher und vertrauenswürdig seine Software ist.
Quellen:
- China Law Translate: Übersetzung und Einordnung des chinesischen National Intelligence Law, insbesondere zur Pflicht von Organisationen und Bürgern, Nachrichtendienstarbeit zu unterstützen und Geheimhaltung zu wahren.
https://www.chinalawtranslate.com/en/national-intelligence-law-of-the-p-r-c-2017/ - ADAC: Einschätzung zu chinesischen Automarken, Technik, Crashtests und Marktqualität.
https://www.adac.de/rund-ums-fahrzeug/autokatalog/marken-modelle/auto/chinesische-automarken/ - ADAC: Euro-NCAP-Testergebnisse und Sicherheitsbewertung aktueller Fahrzeuge.
https://www.adac.de/rund-ums-fahrzeug/autokatalog/marken-modelle/auto/sichere-autos-euroncap-2025/ - Handelsblatt: Bericht über Warnungen zu Datenschutz- und Fernzugriffsrisiken bei vernetzten Elektroautos aus China.
https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/spionagegefahr-verfassungsschutz-warnt-vor-fernzugriff-auf-chinesische-e-autos/100194216.html - Reuters: Bericht zur verschärften chinesischen Gesetzgebung im Bereich Staatsgeheimnisse und nationaler Sicherheitsinteressen.
https://www.reuters.com/legal/legalindustry/chinas-revised-more-stringent-state-secrets-law-takes-effect-2024-05-07/
