Geblitzt, Punkte in Flensburg oder sogar ein Fahrverbot – für viele Autofahrer sind diese Konsequenzen mehr als nur ärgerlich. Sie können berufliche und private Auswirkungen haben. Genau hier setzen Anbieter an, die im Internet offen damit werben, Verkehrsverstöße gegen Geld zu übernehmen.
Was zunächst absurd klingt, ist tatsächlich ein wachsendes Geschäftsmodell. Durch eine rechtliche Grauzone können sogenannte Punktehändler Strafen teilweise auf andere Personen übertragen lassen. Eine aktuelle Recherche des Formats „FYI – Unsere Recherche, Dein Vorteil“ von NDR und RBB zeigt, wie dieses System funktioniert und warum es zunehmend kritisch betrachtet wird.
Wie das Punktehandel-System funktioniert
Im deutschen Verkehrsrecht gilt grundsätzlich: Bestraft wird die Person, die das Fahrzeug tatsächlich gefahren hat. Wird ein Auto geblitzt, erhält zunächst der Halter Post von der Behörde und muss angeben, wer zum Zeitpunkt des Verstoßes gefahren ist.
Genau an dieser Stelle setzt der Punktehandel an. Anbieter vermitteln Personen, die sich bereit erklären, einen Verkehrsverstoß offiziell auf sich zu nehmen. Diese geben gegenüber den Behörden an, gefahren zu sein.
Der tatsächliche Fahrer bleibt damit unter Umständen ohne Punkte oder Fahrverbot.
- Ein Autofahrer wird geblitzt oder begeht einen Verkehrsverstoß
- Ein Anbieter vermittelt eine andere Person als angeblichen Fahrer
- Diese Person bestätigt gegenüber der Behörde, gefahren zu sein
- Punkte, Bußgeld oder Fahrverbot werden auf diese Person übertragen
Je nach Schwere des Verstoßes können für solche „Dienstleistungen“ mehrere hundert bis über tausend Euro verlangt werden.
Eine Gesetzeslücke als Grundlage
Verkehrsrechtler sehen die Ursache für dieses Geschäftsmodell in einer juristischen Besonderheit. Der Anwalt für Verkehrsrecht Nichant Makar erklärt:
„Das ist eine Gesetzeslücke, die Punktehändler ausnutzen. Bei den Punktehändlern läuft’s so ab, dass die dritte Person, die die Punkte sozusagen auf sich nimmt, sich selbst bezichtigt. Und so eine Selbstbezichtigung ist nicht strafbar.“
Das bedeutet: Solange eine Person freiwillig erklärt, den Verstoß begangen zu haben, ist es für Behörden oft schwierig, das Gegenteil zu beweisen – insbesondere wenn das Blitzerfoto keine eindeutige Identifikation erlaubt.
Die Perspektive der Polizei
Polizei und Ermittlungsbehörden sehen diese Entwicklung mit Sorge. Für sie untergräbt der Punktehandel die Wirkung von Verkehrsregeln.
Der Hauptkommissar Ali Ünlü beschreibt die Realität aus Sicht der Ermittler sehr deutlich:
„Das ist kein Kavaliersdelikt. Ich bin derjenige, der dann Todesnachrichten übermitteln musste, den Familien, den Kindern… Diese Augen brennen sich ein.“
Für Polizisten geht es bei Verkehrsverstößen nicht nur um Bußgelder oder Punkte – sondern um Verkehrssicherheit und mögliche schwere Unfälle.
Warum Punkte im Verkehrssystem so wichtig sind
Das deutsche Fahreignungsregister arbeitet mit einem Punktesystem, um wiederholte oder schwere Verkehrsverstöße zu erfassen.
Bereits bei acht Punkten droht der Entzug der Fahrerlaubnis. Reporter Lars Kaufmann erklärt in der Recherche:
„Bei einer roten Ampel zum Beispiel ist man den Lappen für mindestens einen Monat los, ansonsten ist bei acht Punkten Schluss. Dann wird die Fahrerlaubnis entzogen.“
Das System soll verhindern, dass gefährliche Fahrer dauerhaft am Straßenverkehr teilnehmen.
Ein wachsender Markt im Internet
Trotz der Risiken existieren mittlerweile mehrere Anbieter, die ihre Dienste offen im Internet bewerben. Einige von ihnen argumentieren, sie würden lediglich eine rechtliche Möglichkeit nutzen.
Ein Punktehändler erklärt dazu:
„Ja, es ist interessant, dass man für mich ein Gesetz machen muss.“
Die Aussage zeigt, wie offen manche Anbieter mit ihrem Geschäftsmodell umgehen.
Kritik von Behörden und Experten
Auch das Kraftfahrt-Bundesamt beobachtet diese Entwicklung kritisch. Stephan Immen vom KBA bringt das grundlegende Problem auf den Punkt:
„Jeder versucht es zu vermeiden, einen Punkt zu bekommen – und jeder, der einen Punkt hat, der wünscht sich, er hätte ihn nicht.“
Doch genau dieses Verhalten kann dazu führen, dass das Punktesystem seine Wirkung verliert.
Mögliche Konsequenzen für Punktehändler
Politisch wird inzwischen darüber diskutiert, gegen das Geschäftsmodell vorzugehen. Laut aktuellen Gesetzesentwürfen könnten künftig deutlich strengere Strafen drohen.
Im Raum stehen Bußgelder von bis zu 30.000 Euro für Punktehändler.
Sollte eine entsprechende Gesetzesänderung umgesetzt werden, könnte das Geschäftsmodell schnell verschwinden.
Eine Debatte über Fairness im Straßenverkehr
Der Punktehandel zeigt ein grundlegendes Problem: Wenn Strafen durch Geld umgangen werden können, stellt sich die Frage nach der Fairness im Verkehrssystem.
Während einige Fahrer versuchen, Punkte zu vermeiden, müssen andere die Konsequenzen ihrer Verstöße tragen.
Die Recherche von NDR und RBB zeigt, dass dieses Thema längst nicht nur ein Randphänomen ist – sondern eine Debatte über Sicherheit, Verantwortung und Gerechtigkeit im Straßenverkehr ausgelöst hat.
Video zur Recherche:
