Kommentar: Verkehrsunfälle. Endzeit der Erwartung?Viele Jahre ging das so: Straßenverkehrsunfälle forderten immer weniger Todesopfer. Dass die erfreuliche Tendenz irgendwann zum Stillstand kommen würde, war aber absehbar. Mehr als das ist nun eingetreten: Im vergangenen Jahr verunglückten auf deutschen Straßen 3.991 Verkehrsteilnehmer tödlich. 343 mehr als 2010, vermeldet das Statistische Bundesamt. Auch die Zahl der Verletzten nahm um 5,5 Prozent zu.

Angesichts dieser Nachricht fordert der Deutsche Verkehrssicherheitsrat, die „Sicherheitspotenziale noch stärker auszuschöpfen“. Für ein absolutes Alkoholverbot am Steuer spricht sich der Vorstand des DVR aus. Und für Fahranfänger soll eine verpflichtende Verlängerung des Lernzeitraumes eingeführt werden. „Gut und wichtig“ sei, sagt DRV- Präsident Dr. Eichendorf, „dass die Sicherheit auf den Landstraßen zentraler Bestandteil der nationalen Verkehrssicherheitskampagne ‚Runter vom Gas ist’“. Vom „Brennpunkt Landstraße“ ist beim DVR die Rede.


Kampagnen und Schlagworte gelten offenbar noch immer als Hoffnungsträger. Der ACE Auto Club Europa sieht kritisch, dass „Anspruch und Wirklichkeit der Verkehrserziehung in Deutschland weit auseinanderklaffen“. Er hält der Bundesregierung vor, den finanziellen Einsatz für Verkehrssicherheitsarbeit massiv zurückgefahren zu haben, gleichzeitig aber darauf zu orientieren, mit dem nationalen Programm für mehr Verkehrssicherheit die Zahl der Verkehrstoten bis 2020 um 40 Prozent zu reduzieren.

Solche Erwartung dürfte sich kaum erfüllen, wenn in Deutschland vorrangig der Tempoteufel gejagt wird. Unfallforscher der Deutschen Versicherer haben mehr im Blick. Sie fordern „mutigere Schritte und eine bessere Koordination von Bund, Ländern und Kommunen“ (was immer das heißen mag). Aus Sicht der Unfallforscher geht es um die „forcierte Entwicklung von Notbremssystemen, die Radfahrer und Fußgänger sicher erkennen und Kollisionen vermeiden können“. Angemahnt werden der schnelle Ausbau von Radverkehrsanlagen angesichts des stark steigenden Radverkehrs, die Senkung innerörtlicher Geschwindigkeiten durch verstärkte Anordnung von Tempo 30 und regelmäßige Kontrollen. Zudem müssten „bekannte Instrumente“ intensiver angewendet werden. Dazu gehörten Leitplanken und Geschwindigkeitsbegrenzungen in Alleen, eigene Grünphasen für Linksabbieger und Verbesserungen in der Betreuung der Fahranfänger.

Unfallforscher leiten ihre konkreten Forderungen von Unfallanalysen ab. Aber werden Unfälle vor Ort künftig genauer analysiert? – Vermutlich nicht. Sobald partiell schnelles Fahren im Spiel war, wird es weiterhin als Unfallursache herhalten müssen, selbst wenn der Auslöser für den Crash vielleicht etwas ganz anderes war. Tempo ist immer schlecht. Da erübrigt sich, der Entstehungsgeschichte eines Unfalls nachzugehen. Solche Art „Aufklärung“ bringt aber eben nicht voran. Auch Großplakate des DVR entlang der Bundesautobahnen heben einseitig auf den Vorwurf schnellen Fahrens ab.

Vermutlich wird nun unter dem Eindruck der statistisch belegten Zunahme tödlich verlaufender Verkehrsunfälle noch kräftiger als bisher ins bekannte Horn gestoßen und in schnellem Fahren die Hauptunfallursache gesehen. Von einem landesweiten Blitzergewitter ist bereits die Rede. Den Blick für die Vielfalt der Ursachen tödlich endender Verkehrsunfälle können Blitzer nicht erhellen.

Irgendwann, hoffentlich bald, möge die Einsicht siegen, dass sich die ernüchternde Tendenz der Zunahme von Verkehrsunfällen mit Todesfolge nur aufhalten und umkehren lässt, wenn sich ausnahmslos jeder Verkehrsteilnehmer absolut regelkonform und rücksichtsvoll gegenüber anderen verhält. Die Erkenntnis, dass ordnungswidriges Verhalten umgehend geahndet wird, dürfte sich bei Radfahrern und Fußgängern allerdings erst einstellen, wenn Verwarn- oder Bußgeldforderungen nicht länger einen Bogen um sie machen. (Auto-Reporter.NET/Wolfram Riedel)(Foto: dpp/Auto-Reporter.NET)

 


 

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